Smarte Fernwärme: Automatische Optimierung für nachhaltiges Heizen
Stand: April 2026Wie gelingt es, ein Heizsystem so zu steuern, dass es automatisch effizient arbeitet, Energiekosten senkt und für alle Beteiligten fair ist? Die NEUWOGES – ein kommunales Wohnungsunternehmen aus Neubrandenburg – begann schon 2009 alle Fernwärmestationen zu digitalisieren. Damals eine Seltenheit, heute ein Erfolgsmodell. Mietende zahlen heute weniger, die Umwelt wird geschont und die Heizkosten bleiben stabil.
Digitale Fernregelung senkt Heizkosten und verbessert die Wärmeverteilung im Gebäude
Die NEUWOGES verwaltet einen vielfältigen Wohnungsbestand und setzt den Fokus auf Energieeffizienz, Werterhalt und eine wirtschaftliche Betriebsführung. Um Betriebskosten dauerhaft stabil zu halten und gleichzeitig die Heizungskosten für die Mietenden begrenzen zu können, suchten sie eine Lösung, die über das reine Monitoring hinausgeht. Doch wie hält man die Kosten niedrig, ohne auf Wohnkomfort zu verzichten? Die Lösung: Intelligente Fernoptimierung.
Mit der intelligenten Lösung von Kiona (ehemals Egain) hat die NEUWOGES ihre Fernwärme-Hausanschlussstationen optimiert. Statt nur zu beobachten, wie viel Energie verbraucht wird, steuert das System die Heizung vorausschauend – angepasst an Wetter und Nutzerverhalten. Das Ergebnis:
- mehr Transparenz
- geringere sowie verursachungsgerechte Betriebskosten für die Mietendenschaft
- nachhaltig gesicherte Effizienz im Bestand.
Pioniergeist in der Digitalisierung von Heizungsanlagen
Die NEUWOGES in Neubrandenburg setzte bereits früh auf die Digitalisierung ihrer Heizungsanlagen und übernahm dabei eine Vorreiterrolle unter den Wohnungsunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern. Bereits 2009 wurde das regionale Unternehmen Gluth Anlagenbau GmbH beauftragt, die Hausanschlussstationen mit Technik für eine Fernwartung auszustatten. Dies ermöglichte es, schnell auf Nutzeranforderungen zu reagieren und Anlagen kostengünstig zu analysieren.
Durch die positiven Erfahrungen mit der Fernwartung reifte der Wunsch, einen Schritt weiterzugehen. Die Idee: Wetterdaten und Daten aus den Wohnräumen direkt in die Regelung der Heizungsanlage einzubeziehen. Dadurch sollte noch mehr Energie eingespart werden.
Das Wohnungsunternehmen suchte nach einem Partner, der über genau diese Erfahrung und die passenden Lösungen verfügte. Allerdings gab es im Jahr 2017 nur wenige Anbietende für digitale Lösungen zur automatisierten Fernwärme-Optimierung in Deutschland.
Auswahl des Dienstleisters & Pilotierung
Fündig wurde die NEUWOGES in der Fachzeitschrift „Bundesbaublatt“ mit einer Anzeige der Firma Egain (heute Kiona). Ein anschließender Fachvortrag im Hause der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft mbH überzeugte sie schließlich: Kiona brachte über zehn Jahre Erfahrung in der Heizungsoptimierung mit.
Die NEUWOGES wollte es genau wissen und legte einen umfangreichen Praxistest auf, um die Einspareffekte unter realen Bedingungen zu prüfen. Sie entschieden sich, das System an Wohngebäuden mit möglichst verschiedenen Voraussetzungen zu testen:
- Verschiedene Energieeffizienzklassen
- Unterschiedliche Quartiere und Mietenden-Zielgruppen
(z.B. Seniorenobjekte mit höheren Wohlfühltemperaturen) - Gebäude mit der sogenannten "Rohrwärme-Problematik" (mindestens ein Drittel der Pilot-Gebäude)
Was ist die Rohrwärme-Problematik?
Die Rohrwärme-Problematik beschreibt ein spezielles Problem bei der Heizkostenabrechnung, das vor allem in älteren Gebäuden mit Einrohrheizungen und ungedämmten, freiliegenden Rohrleitungen auftritt.
Niedrig-Verbrauchende beziehen oft Wärme von umgebenden Wohnungen oder den Rohrleitungen. Herkömmliche Heizkostenverteiler, die an den Heizkörpern montiert sind, erfassen nur die Wärme, die direkt über die Heizkörper abgegeben wird. Die Wärme, die von den unisolierten Heizungsrohren auf dem Weg durch die Wohnungen abgestrahlt wird, bleibt von diesen Geräten jedoch unberücksichtigt.
So verschiebt sich der Abrechnungsanteil und das System wird ineffizienter, da Rohre weniger Wärme abgeben. Die Kernfrage war: Kann Kiona die Vorlauftemperatur (das Angebot) und die tatsächliche Energieabnahme an den Heizkörpern (die Nachfrage) so optimieren, dass dieses Problem gelöst wird?
Rollout der digitalen Fernwärme-Optimierung
Der Rollout der digitalen Fernwärme-Optimierung erfolgte verteilt über vier Jahre in vier Abschnitten mit jeweils rund 25 Gebäuden. Diese schrittweise Einführung vermied eine Überlastung von Auftraggebenden und Auftragnehmenden und gab ausreichend Zeit, die operative Plattform aufzubauen.
Der Einbau verlief ohne größere Herausforderungen und beruhte auf einer freiwilligen Teilnahme der Mietenden. Im Pilotprojekt (2017) übernahmen die Hausmeister die Montage, später die eigene Installationsfirma der NEUWOGES. Nach der ersten Installation wurde die Lösung von Kiona in einem mehrstufigen Prozess getestet, kontrolliert und schrittweise ausgerollt.
- Installiert in: 101 Gebäude (etwa ein Drittel des Gesamtbestands)
- Beheizte Fläche: 378.936 m²
- Steuerung: Kombination aus Kiona Edge und der bestehenden Steuerung
Die digitale Heizungsoptimierung im Wohnungsbestand basiert auf den Einsatz moderner Sensorik und eines selbstlernenden Algorithmus.
Beispielobjekt: Neustrelitzer Straße 109
Ein unsaniertes Hochhaus unter Denkmalschutz in Neubrandenburg (Baujahr 1982) mit 52 Wohneinheiten zeigt exemplarisch das Potenzial der digitalen Heizungsoptimierung im Bestand.
Vor der Maßnahme lag der Verbrauch bei durchschnittlich 134,16 kWh/m²a (Energieeffizienzklasse E). Nachdem Ende 2017 die Software sowie im folgenden Jahr die neue, optimierte Regelung eingeführt wurde, konnten deutliche Effizienzsteigerung und Energieeinsparung erzielt werden.
- Verbrauch vorher: 134,16 kWh/m²a
(Energieeffizienzklasse E) - Verbrauch heute: ca. 111,10 kWh/m²a
(Energieeffizienzklasse D) - Einsparung absolut (2024): ca. 18 kWh/m² Nutzfläche (entspricht 16 %)
- CO₂-Einsparung (für dieses Objekt): ca. 13 Tonnen pro Jahr
- Ergebnisse der Fernwärme-Optimierung auf das Gesamtportfolio (101 Anlagen):
- Durchschnittliche Einsparung: 14,8 kWh/m²a (ca. 11,8 %)
- Absolute Einsparung: ca. 5,6 GWh pro Jahr
- Zusätzlicher Effekt: Durch die Überprüfung der Fernwärmeanschlusswerte (Energiesignaturmethode) können oft Betriebskosten von über 1.000 € pro Anlage eingespart werden.
Die intelligente Heizungssteuerung
Die Kernfunktion übernimmt der Algorithmus von Kiona Edge: Er verarbeitet alle Daten und liefert wertvolle Erkenntnisse:
- Wetterdaten: Außentemperatur (lokal gemessen), Sonneneinstrahlung, Niederschlag und Windgeschwindigkeit.
- Raumdaten: Eine Gebäudemitteltemperatur, die aus den Referenzsensoren in den Wohnungen berechnet wird.
- Selbstlernender Algorithmus: Aus den Daten lernt der Algorithmus kontinuierlich und passt die Heizungsregelung automatisch an.
Dieser automatisierte Prozess wird durch einen menschlichen Faktor ergänzt: Die NEUWOGES stimmt sich in regelmäßigen Abstimmungsrunden mit Kiona ab. Daraus ergibt sich ein effektiver Mix aus maschineller Effizienz und menschlicher Expertise.
Keine Nachtabsenkung für mehr Komfort
Ein zentraler Bestandenteil für die NEUWOGES ist die bewusste Abkehr von der klassischen Nachtabsenkung. Statt großer Temperaturschwankungen setzt die Lösung von Kiona auf ein gleichbleibendes, stabiles Raumklima. Der Hintergrund: Eine starke Nachtabsenkung führt zu großen Temperaturschwankungen, die von vielen als unangenehm empfunden werden. Zudem wird morgens viel Energie benötigt, um das Gebäude wieder aufzuheizen. Es stellte sich heraus: Ein gleichmäßiger Betrieb ist effizienter und komfortabler.
Dialog mit den Mietenden als Schlüssel zum Erfolg
Die NEUWOGES verwaltet Tausende Wohnungen. Energieeffizienz und niedrige Kosten sind das eine. Das andere: die Menschen dahinter. Die Umstellung auf ein System ohne Nachtabsenkung war für viele Mietende zunächst ungewohnt. Es traten typische Verständnisprobleme auf:
- Viele assoziierten Wohlbefinden mit der Temperatur des Heizkörpers, nicht mit der Raumtemperatur.
- Die Funktion von Thermostatköpfen (einfach auf Wohlfühltemperatur einstellen und in Ruhe lassen) war oft unbekannt.
- Das Phänomen der Rohrwärme und der Betriebskostenaufstellung wurde häufig missverstanden.
Die Lösung lag nicht in noch mehr Sensoren oder Algorithmen – sondern im Dialog. Die NEUWOGES setzte auf Aufklärung: Sie hängten Informationen im Hausflur auf, verteilten Infoblätter der Monteure und es erschien ein Beitrag im Lokalfernsehen. Jeder sollte verstehen: Die Heizung denkt mit, aber sie denkt anders. Die Kundenbetreuung lernte, in Einzelfällen nachzujustieren, und eine Hotline beantwortete Fragen direkt. Die Botschaft war klar: „Wir sparen nicht an eurem Komfort – wir sparen mit eurem Komfort.“
Trotz der anfänglichen Skepsis setzte sich die Einsicht durch: Die neue Heizung funktioniert – sie fühlt sich nur anders an. Die Vorlauftemperaturen sanken auf oft nur 40 Grad, die Räume blieben trotzdem angenehm warm. Die Mietenden merkten: Weniger Hitze am Heizkörper bedeutet nicht weniger Wärme im Raum. Und die NEUWOGES lernte: Technik allein reicht nicht. Selbst die beste Optimierung scheitert, wenn die Mietenden nicht mitgenommen werden.
Erkenntnisse für die Praxis
Zukunftspläne: Smarte Lösungen für ganzjährigen Klimaschutz
Das Team der NEUWOGES plant bereits die nächsten Schritte: Bisher werden die Sensordaten nur in der Heizperiode ausgewertet. Künftig sollen auch die Daten aus den Sommermonaten genutzt werden, um Hitzeinseln zu identifizieren und die Wärmebelastung einzelner Gebäude besser zu verstehen. So kann gezielt an einem sommerlichen Wärmeschutz gearbeitet werden, etwa durch die Schaffung von „grünen Lungen“.
Für Gebäude, in denen Kiona Edge nicht eingesetzt wird, prüft die NEUWOGES den Einsatz intelligenter Heizkörperthermostate. Ein weiteres Beispiel dafür, wie digitales Heizen kontinuierlich weiterentwickelt wird.
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